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mich und meine Familie
hier in Hong Kong besuchen. Es ist immer wieder eine Freude für
mich, meine Enkelschüler zu sehen und ihre Fortschritte zu
beobachten.
BUDO KARATE: Sie sind
mit Ihren 80 Jahren noch taufrisch und bewegen sich wie ein viel
jüngerer Mann. Ist das dem Wing Chun zu verdanken?
Lok Yiu: (lacht) Das
muss es wohl sein. Ich habe, seit ich angefangen habe, mein Training
niemals vernachlässigt. Ich trainiere seit mehr als 50 Jahren.
BUDO KARATE: Wenn Sie
zurückblicken auf die Zeit, in der Sie selbst noch Schüler
bei Großmeister Yip Man waren, wie beurteilen Sie die Entwicklung
seit damals? Wird heute anders unterrichtet? Trainieren die jungen
Leute heute anders?
Lok Yiu: Die Zeiten
haben sich geändert, das ist klar. Als ich bei meinem Si-Fu
Yip Man lehrte, war das Training äußerst hart. Ich
habe mit ganzem Herzen und mit meiner ganzen Energie trainiert.
Immerhin lag es damals an uns, das Wing Chun in Hong Kong zu etablieren.
Das ist uns gemeinsam gelungen. Heute ist das Wing Chun in aller
Welt bekannt, und viele Leute trainieren es, aber oft nicht mit
sehr viel Einsatz. Manche meinen, sie könnten Wing Chun einfach
kaufen. Das ist falsch. Man muss es sich erarbeiten. Ich hoffe
sehr, das die positiven Entwicklungen sich durchsetzten. In dieser
Hinsicht bin ich mit meinem To-Dai Wai Lam sehr zufrieden. Er
leistet in Europa gute Arbeit.
BUDO KARATE: Warum
ist Ihrer Ansicht nach Wing Chun so erfolgreich geworden?
Lok Yiu: Das Wing Chun
ist in Hong Kong durch reale Kämpfe bekannt geworden. Viele
haben verstanden, dass Wing Chun ein Stil ist, der sich wirklich
zum Kämpfen eignet. Auch hat natürlich Bruce Lee viel
für die Verbreitung des Wing Chun getan. Auch andere Lehrer
haben ihren Teil getan. Schön ist es, dass auch andere Kung
Fu-Stile weltweit ihre Anhänger gefunden haben.
BUDO KARATE: "Was
würden Sie als die hervorstechensten Merkmale des Wing Chun
bezeichnen?
Lok Yiu: Eine interessante
Frage. Das Chi Sau ist Herz und Seele des Wing Chun. Es ist wichtig,
das Gefühl für den Einsatz des gesamten Körpers
zu bekommen, wobei immer Flexibilität und Stabilität
in allen Bewegungen Beibehalten werden muss. Dafür gibt es
spezielle Trainingsmethoden, die mein Si-Fu einigen seiner Schüler
beigebracht hat.
Die Gleichzeitigkeit und Gleichgewichtung aller nötigen Bewegungen,
also auch von Angriff und Abwehr, ist außerdem ein wichtiger
Punkt.
Zu erreichen ist ein gutes Wing Chun nur durch eine sehr solide
Basisarbeit. Und die Basis ist auch der Schlüssel zum Wing
Chun. Nur wer sie richtig verstanden hat und sie richtig und ausdauernd
übt, kann das Wing Chun wirklich erlernen.
BUDO KARATE: Ihr Schüler
Wilhelm Blech kam vor rund zehn Jahren erstmals zu Ihnen. Sind
Sie mit der Entwicklung des Lok Yiu Wing Chun in Europa zufrieden?
Lok Yiu: Als Wai Lam
zum ersten mal zu mir kam, war ich natürlich erst einmal
vorsichtig. Ich kannte ihn nicht, und ich hatte zuvor kaum Kontakt
zu Nichtchinesen gehabt. Nach einiger Zeit des Kannenlernens merkte
ich aber, dass ihm das Wing Chun genauso am Herzen liegt wie mir
selbst, dass er mit dem ganzen Herzen dabei ist. Ich habe dann
mit meiner Familie darüber gesprochen und habe ihn schließlich
in meine Familie aufgenommen und ihn unterrichtet. Er ist nun
seit zehn Jahren mein To-Dai, und ich bereue meine Entscheidung
nicht. Ich will ihn nicht zu sehr loben, aber ich bin durchaus
stolz auf ihn. Er hat viel für die Verbreitung de Wing Chun
in Europa getan. Wenn seine Schüler zu mir kommen, sehe ich,
was er leistet.
BUDO KARATE: Was würden
Sie einem Wing Chun-Anfänger als Ratschlag mit auf den Weg
geben?
Lok Yiu: Bevor man
sich für einen Lehrer entscheidet, sollte man ihn kennen
lernen und wissen, wo und bei wem er gelernt hat. Man muss ihm
außerdem vertrauen. Ohne die menschliche Basis kann man
nicht von einem Menschen lernen.
Man sollte nie vergessen, von wem man gelernt hat. Und man soll
auch seine Mitschüler achten und den jüngeren helfen.
Gerade für uns Chinesen ist die Tradition wichtig, unsere
Vorfahren zu ehren und zu respektieren, und das gilt auch für
unsere Kung Fu-Familie.
Und man sollte sein Wing Chun stets nur zur Verteidigung einsetzen.
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